- 24.10.2026–31.01.2027
- 17:00 bis 22:00 Uhr
- Passage zum Innenhof der Galerie im Saalbau
- Veranstaltung · Aktuell
- Soundinstallation
Klangliche Erkundung emergenter räumlicher Beziehungen
Von Carla J. Maier
Bei einem Spaziergang durch Berlin-Neukölln an einem Samstagmorgen Anfang Oktober fühlt es sich noch nach Spätsommer an. Die Straßen sind ruhig, und zwischen vereinzelten Wolken leuchtet der blaue Himmel hervor. Die Luft ist frisch und der Asphalt staubig, und die noch nicht entfaltete Lebendigkeit des Viertels hängt wie durchsichtige Perlen zwischen den vierstöckigen Wohnhäusern an der Karl-Marx-Straße.
Ein gleichmäßiger, sanfter Puls gibt Halt, während das Gehör agil bleibt. Klangschichten pulsieren ineinander und übereinander, überlagern sich, reagieren aufeinander und passen sich an. Sie erweitern das Ortsgefühl und ermöglichen gleichzeitig eine andere Art der Orientierung.
Bea Targosz drückte auf ihrem Smartphone auf „Play“, während wir in der Durchgangspassage standen, die zum Heimathafen Neukölln und zur Galerie im Saalbau führt und die lautere Straße mit einem ruhigen, gepflasterten Innenhof verbindet. Wir hören eine Abfolge bearbeiteter Feldaufnahmen an, die hier bald im Rahmen des Programms zum 150-jährigen Jubiläum des Saalbaus installiert werden. Targosz, die in Neukölln lebt, spricht über den künstlerischen Entstehungsprozess ihrer Zusammenarbeit mit Marcin Dymiter aus Danzig/Oliwa, aus der das Klangkunstwerk Neukölln. Oliwa. Sonic Portrait hervorgegangen ist.
Ausgangspunkt waren Feldaufnahmen, die die Künstler sowohl in Neukölln als auch in Oliwa gemacht hatten und die sie mithilfe eines MaxMSP-Patches in sich ständig verändernde Klanglandkarten umwandelten. In Anlehnung an die Logik kartografischer Verfahren analysiert, fragmentiert und ordnet das System die Aufnahmen neu, wobei es die Klänge zufällig verarbeitet und zwischen zwei Lautsprechern neu verteilt. Die daraus entstehende Klanglandschaft verändert sich kontinuierlich und bringt die beiden Orte in eine instabile, sich ständig weiterentwickelnde Beziehung zueinander, während die ursprünglichen Porträts über QR-Codes weiterhin zugänglich bleiben.
Der technische Prozess wird zu einer Form des klanglichen Denkens durch und mit den flüchtigen und vielschichtigen Aspekten eines Ortes. Die Aufnahmen werden nicht einfach von einem Ort zum anderen übertragen; sie werden kontinuierlich analysiert, fragmentiert und neu angeordnet. Frequenzen werden isoliert, Messpunkte reduziert, Klänge in synthetische Sinustöne umgewandelt. Der Zeitpunkt, die Dauer, die Abfolge und die Verteilung dieser Prozesse bleiben im stetigen Wandel. Mal lassen sich die Aufnahmen voneinander unterscheiden, mal bringt ihre Bearbeitung sie einander näher, während die wechselnde Klangverteilung zwischen den beiden Lautsprechern eine fortwährende Bewegung zwischen Neukölln und Oliwa erzeugt – zwischen Erinnerungen, die an Orten gespeichert sind, und neuen situativen Archiven, die in der Gegenwart entstehen.
Beim Anhören von Neukölln. Oliwa. Sonic Portrait kommen mir die klanglichen Intensitäten und die sich wandelnden räumlich-materiellen Wirkmächte wie eine Art Nervensystem vor: Es registriert und verarbeitet die Klänge, die durch die Lautsprecher dringen, von den Wänden zurückgeworfen werden und mit unterschiedlichsten weichen Geweben in Resonanz treten, und reagiert darauf. Hohe Frequenzen sickern in eine Collage aus Straßengeräuschen ein und verstärken so das Gefühl der Taktilität. Die beiden Kanäle übertragen Feldaufnahmen aus Neukölln und Oliwa, doch diese Klänge werden ständig transformiert und neu angeordnet. Sie klingen zu keinem Zeitpunkt genau gleich und fügen sich nie vollständig zu einer zusammenhängenden Komposition oder einem „Werk“ zusammen. Die Installation bleibt responsiv, ihre klanglichen Beziehungen verschieben sich kontinuierlich, und so bin ich als Zuhörer:in aufgefordert, „über das Ohr hinaus“ zu hören – ein Hören, das „sich auf einen Körper erstreckt, der Schwingungen wahrnimmt, und dabei auch den Sehsinn, den Tastsinn, die Thermorezeption und die Propriozeption einbezieht“ (Peterson 2021, übers. der Autorin).
Was offenbart sich von einem Ort, wenn wir zu einem resonierenden Körper werden? Was gibt es darüber hinaus noch in den Rissen gebauter Oberflächen, im weichen Gewebe aus getrockneten Blättern und feuchter Erde, im Klappern sich bewegender Objekte – wie verbinden wir uns auf andere Weise mit einem Ort, während „wir durch Zeit und Raum ebben und fließen – von Körper zu Körper, zu Körper, zu Körper“ (Neimanis 2017). Targosz nutzt Lokalität, um das Hören als klangliche Beziehung, Wechselseitigkeit und Ko-Präsenz zwischen unterschiedlichen Orten zu konzeptualisieren. Neukölln. Oliwa. Sonic Portrait verändert kontinuierlich die Bedingungen des Hörens und fordert die zuhörende Person auf, sich anzupassen, zu folgen, innezuhalten und sich auf Beziehungen einzustimmen, die sich nicht auf einmal erfassen lassen. Unweit der Karl-Marx-Straße in Neukölln wird die zuhörende Person Teil einer klanglichen Situation und dazu eingeladen, nachzuverfolgen, wie Klänge Beziehungen durch Körper, Technologien, lokale Geschichten und translokale Verbindungen transportieren.
Diese Verbindungen werden auch von Dymiter untersucht, der sich dafür interessiert, wie Feldaufnahmen zu einem Mittel werden können, die spezifischen Klänge des historischen Oliwa einzufangen: die Glocken, die Bäume, die weitläufigen Flächen rund um seine historischen Gebäude. Hier zeigt sich ein Spannungsverhältnis, das mit der Praxis der Feldaufnahme verbunden ist: Vergangene Klänge lassen sich nicht einfach wiederherstellen; sie sind flüchtig, und ihre lebendigen Spuren können nur in der Gegenwart reinszeniert werden. Diese Spannung wird besonders greifbar, wenn Neukölln. Oliwa. Sonic Portrait in der ethnografischen Abteilung des Nationalmuseums im Danziger Stadtteil Oliwa installiert wird. Die zuhörende Person entwickelt dabei ein Gespür für die Zwischenräume zwischen Aufnahme und Erinnerung, zwischen dem, was bewahrt werden kann, und dem, was sich der Erfassung entzieht. Wie die Erinnerung bewegt sich auch der Klang durch diese Zwischenräume. Er trägt, verbindet, zerstreut und transformiert sich.
Dies korrespondiert mit Arjun Appadurais Verständnis des Archivs: „Das Archiv als bewusstes Projekt beruht auf der Erkenntnis, dass jede Dokumentation eine Form der Intervention darstellt und dass die Dokumentation einer Intervention somit nicht einfach vorausgeht, sondern deren ersten Schritt bildet. […] Dies bedeutet darüber hinaus, dass es bei Archiven nicht nur um Erinnerung (und die Spur oder Aufzeichnung) geht, sondern auch um die Arbeit der Imagination, um eine Art soziales Projekt“ (Appadurai 2003, übers. der Autorin).
Die zweikanalige Installation Neukölln. Oliwa. Sonic Portrait bringt ein solches soziales Projekt hervor: eine Einladung, sich auf die sich wandelnden Beziehungen zwischen Orten und Körpern einzustimmen und auf jene Klänge zu hören, die erst entstehen, wenn wir gemeinsam hören – im Zusammenspiel mit anderen Klängen, Orten und Erinnerungen.
Literatur:
Appadurai, Arjun (2003): „Archive and Aspiration“. In: Joke Brouwer und Arjen Mulder (Hg.): Information is Alive, S. 14–25.
Neimanis, Astrida (2017): Bodies of Water: Posthuman Feminist Phenomenology. London: Bloomsbury Academic.
Peterson, Marina (2021): „Listening in the Anthropocene, An Introduction“. In: Sensate Journal, Nr. 8 (April 2021).