Ökonomien und Narrative urbaner Peripherien – Regenerierung, Recycling und Fetisch

Panel mit Michael Billig (muellrausch.de), Ingeborg Lockemann, Jens Casper (Das Garagenmanifest) und Birgit Schlieps

Keine Entsorgung – von Deponien und Depots

Der stetig wachsende Müllberg, das Anwachsen des Weggeworfenen, Überholten kann als Ausdruck des Verhältnisses von Mensch und Natur in Industriegesellschaften betrachtet werden. Zwar verspricht die kontrollierte Deponie, wo die Abprodukte angeblich friedlich lagern, rundum abgedichtet sind und verschwinden sollen, dass die Waren- und Konsumwelt ohne Folgen bleibt. Doch die Dinge führen eher ein materielles Eigenleben und treten unter den Bedingungen der Formlosigkeit und Egalität noch offensichtlicher zu tage. Illegale Deponien bilden in den urbanen Peripheren sonderbare Landschaften, die Artefakte mischen sich mit Natur, verwachsen zu neuen Assemblagen, ein Labor unterschiedlicher und unvorhersehbarer Reaktionen. Depots als Orte für die wertvollen Dinge, die das Potential haben, gebraucht zu werden, scheinen nun das Gegenteil zu sein. Doch es gibt eine gemeinsame Grenze, die beide Praktiken und Orte miteinander verbindet und die von den Dingen in beiden Richtungen gekreuzt werden können – so verfällt Archiviertes, verliert an Wert oder Deponiertes wird exhumiert: was unbrauchbar schien, wird als wertvoller Rohstoff erkannt. Deponien werden auch zu kulturellen Gegenarchiven und Subjekten von Garbage Studies, die u.a. mit den Mitteln der Archäologie erforscht werden.

Erprobung manueller Fertigkeiten zwischen Fetisch und Rekonstruktion

Kann sich der Planet mit uns zusammen regenerieren? Werkstätten und Garagen haben sich – wie Ruderal- oder Pionierpflanzen – in den Zwischenräumen der Stadt, oft in Nachkriegsbrachen eingenistet. In Ostdeutschland sind sie als Typologie auch oft im Ensemble mit Plattenbau und Kleingarten anzutreffen. Sie sind Teil einer wichtigen sozialen Landschaft, wo besondere manuelle Fertigkeiten und eine nahezu unbegrenzte Erfindungsgabe kultiviert und entwickelt werden. Durch Rekonstruktions- und Reparaturarbeiten werden Zeiträume eröffnet, die sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft weisen. Eine zentrale Frage ist, wie können solche Räume geschützt werden, ohne sie ihres Eigensinns zu berauben? Wie können solche spezifischen Räume erhalten werden, ohne sie einer einengenden Überdeterminierung kapitalistischer Verwertungsinteressen auszuliefern? Neuere Ansätze der Denkmalpflege könnten da vielleicht neue Wege eröffnen.

Bild für Ökonomien und Narrative urbaner Peripherien – Regenerierung, Recycling und Fetisch
© Michael Billig, Ingeborg Lockemann, Birgit Schlieps, Luise Rellensmann
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