Mit der direkten Frage „…oder liebst du deine Scheuklappen?“ verweist die Bildhauerin Cornelia Herfurtner auf Mechanismen des Nicht-Sehen-Wollens und Ausblendens in unserer Gesellschaft. Die Künstlerin fragt wie wir uns gegenüber der allgegenwärtigen Sichtbarkeit von Gewalt und Krieg verhalten. Der Ausstellungstitel benennt den Widerspruch zwischen relativ abgesicherten Alltagen und globalen Krisen und deutet auf Strategien der Selbstabschottung, der Abstumpfung und der bewussten Distanzierung.
Aus dieser Perspektive heraus setzt sich Herfurtner in ihrer Kunst intensiv mit dem rechtlichen Konzept der passiven Bewaffnung auseinander, das das Tragen alltäglicher Schutzgegenstände bei Demonstrationen kriminalisiert und verdeutlicht, wie staatliche Ordnung auf Kontrolle, Wahrnehmungssteuerung und der Einschränkung von Selbstschutz im öffentlichen Raum basiert.
Mit ihrer Einzelausstellung …oder liebst du deine Scheuklappen? führt Herfurtner ihre bisherigen Recherchen zu politischen Selbstschutzpraktiken im öffentlichen Raum weiter und thematisiert, wie sich die Grenzen zwischen privaten und öffentlichen Räumen verschieben. In Installationen aus geschnitzten Holzreliefs, Modeln, Marketerien (Einlegearbeiten aus Holz), Teigabdrücken und Stickern verbindet die Künstlerin traditionelle Handwerkstechniken mit aktuellen sozialen Fragen. Ihre Arbeiten veranschaulichen wie Handlungen, die der privaten Sphäre zugeschrieben werden – wie Essen und Schlafen – im öffentlichen Raum politische Dimensionen annehmen können. Motive und Fundstücke aus dem Alltag verweisen bei Herfurtner auf reproduktive Tätigkeiten, Sorgearbeit und Protestpraktiken und bringen ans Licht, wie Wahrnehmung, Macht und gesellschaftliche Ordnung miteinander verflochten sind.
Kuratorische Assistenz: Tatjana Rotfuß